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Schnittstelle zwischen Fachidiotie und Laien

Nuray Gürler

CCNA Kurs am SFZ Förderzentrum in Chemnitz
Erfahren mit Herausforderungen und Schwierigkeiten für blinde Menschen mit einer e-Learning Plattform
Heute arbeitet sie als IT Trainerin beim Bildungswerk WBS.

Wie kann man das alles schaffen?

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Nuray und ihr Instruktor bei                                                    Nuray Gürler, ihr Instruktor und Carsten Johnson
den WorldSkills 2013                                                                    von Cisco

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Interview mit Nuray Gürler

Nuray Gürler ist 32 Jahre alt und das erste Mal trafen wir sie bei den WorldSkills 2013 in Leipzig. Sie kam als Besucherin und hat 2010 ihr CCNA Zertifikat gemacht. Heute arbeitet sie als IT Trainerin. Wir haben uns nocheinmal mit ihr für ein Interview getroffen, denn eine nur dem ersten Anschein nach alltägliche Geschichte, hat uns sehr fasziniert.

Nuray hat einen Kursteil CCNA während der Ausbildung zur IT-Fachinformatikerin Anwendungsentwicklung absolviert. Klingt alles ganz normal, das haben viele andere auch schon geschafft – Aber ganz so einfach ist es nicht. Nuray hat im SFZ Förderzentrum in Chemnitz die Networking Academies besucht. Das SFZ  Förderzentrum bietet Menschen, die von Sehbehinderung, Blindheit oder Mehrfachbehinderungen betroffen sind, ein großes Spektrum an Ausbildungsmöglichkeiten. Die Ausbildung zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung, beschreibt Nuray eher als eine Vernunftsentscheidung.  Sie hat sich gegen die Fachrichtung Systemintegration entschieden, bei der sie vermutlich durch ihr Blindsein stärker eingeschränkt gewesen wäre.

Soweit scheint alles gut gelaufen zu sein, wir haben aber einmal genauer nachgefragt, welche Herausforderungen während des Networking Academy Programms aufgetreten sind. Welche Schwierigkeiten begegnen blinden Menschen mit der e-Learning Plattform? Nuray nennt das Stichwort Netzwerkinfrastruktur. Diese wird oft grafisch dargestellt und Grafiken sind schwer zu verbalisieren. Beispiele und Bildbeschreibungen waren aber gut verständlich. Außerdem war  es schwierig den Test eigenständig zu absolvieren, sodass ihr Instruktor als Lesehelfer neben ihr saß. Am besten behalten kann sich Nuray Inhalte, die sie sowohl hört als auch nachlesen kann.

Die Bildschirmoberfläche und damit auch den CCNA-Kurs liest Nuray mit Hilfe des Screenreaders Zeile für Zeile auf einer Braille-Zeile. Dabei liest man auf der Zeile. Braille ist die ertastbare Darstellung von Buchstaben in Form von kleinen Erhebungen. Ihr Instruktor Hans-Joachim Jens las in Prüfungssituationen die Fragen vor, weil die Klick-Oberflächen keine Bildbeschreibungen besaßen. Der Instruktor musste die Bilder verbalisieren und genau aufpassen, dass er nicht Teile der Lösung durch die Bildbeschreibung  verrät und somit schon Antworten vorweg nimmt. Die Bedingungen waren erschwert, denn Nuray konnte sich nicht eigenständig auf die Prüfung vorbereiten. Es war so gut wie unmöglich für Nuray etwas ad hoc, ohne Vorbereitung, durchzuführen und mit dem Packet Tracer konnte sie leider nicht arbeiten, weil die grafischen Elemente nicht lesbar waren. Die praktischen Aufgaben hingegen konnte  Nuray lösen und hat ihre Laborgeräte natürlich selbst verkabelt und sich die Form der Hardware durch Abtasten eingeprägt. Im Lehrmaterial werden Grafiken meist alternativ in Textform erläutert.

Heute arbeitet Nuray als IT Trainerin bei einem Ingenieurbüro. Als Trainerin sieht sie sich als „Schnittstelle zwischen Fachidiotie und Laien“. Im Augenblick unterrichtet sie im Unterauftrag bei dem Bildungsträger WBS. Dabei lehrt sie überall dort, wo sie gebraucht wird – in Halle, Leipzig, Dresden oder Chemnitz. Meist gibt sie Präsenzunterricht. Das CCNA Zertifikat hat ihr sehr geholfen, ihren heutigen Job zu bekommen. Einerseits weil nicht jeder Bewerber ein Industriezertifikat vorweisen kann und Cisco zudem ein bekannter Name ist. Nurays jetziger Chef hat vor allem so erkennen können, dass sie eine „enorme Lernbereitschaft“ besitzt. Nuray formuliert es so: „Gehandicapte Menschen müssen oft 150% leisten, um die gleiche Anerkennung zu bekommen.“ Nuray erfüllte mehr als den Standard und war somit besser als andere Mitbewerber.

Nach ihrer Ausbildung folgte kein völlig nahtloser Übergang ins Berufsleben. Sie meldete sich bei einer Jobbörse an und entgegen aller Einwände, dass sie Angebote nur per Email erreichen sollte, bekam sie  das Angebot für ihren jetzigen Job, per Post. Es ist nicht so, dass sie keine Briefe lesen kann, aber es bedeutet extra Aufwand. Sie muss die Seiten einscannen und die Bilddateien des Scanners sind mit dem Screenreader nur schwer lesbar. Trotzdem hat sich Nuray beworben und ist an einem Samstagmorgen zum Vorstellungsgespräch gegangen. Das Gespräch verlief gut und sie sollte als Hausaufgabe über einen Testaccount, die technischen Funktionen ausprobieren. Leider war die Software nicht barrierefrei. Trotzdem bekam Nuray am Montag die Zusage von ihrem Chef, dass sie als IT Trainerin anfangen kann.

Nuray hat das CCNA Zertifikat für sich selbst gemacht. „Es kann ja nicht schaden, nur besser machen.“ Sie empfiehlt jedem an dem Networking Academy Programm teilzunehmen, der sich für die Materie begeistern kann.

Zukunftspläne hat sie keine konkreten. „Das Leben ist nicht planbar. Es kommt immer anders als man denkt.“ Nuray macht sich momentan keine Gedanken um die Zukunft. Sie wünscht sich einfach, dass sie noch lange eine so  erfolgreiche Trainerin ist wie bisher.

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